Queer?

Immer häufiger liest und hört mensch heutzutage in den Medien von aktuellen Debatten über genderpolitische Themen, sei es in Bezug auf Gleichberechtigung am Arbeitsplatz oder Unisex-Toiletten. Auch im akademischen Bereich wächst die Gender- und Queer-Forschung ständig. Blickt mensch jedoch genauer auf die Berichterstattung in den Medien, lässt sich feststellen, dass es zu einem inflationären Gebrauch des Begriffes queer kommt, wodurch die eigentliche Bedeutung immer mehr in den Hintergrund tritt. Oft wird queer als Synonym für „schwul“ oder generell „homosexuell“ verwendet und verliert somit einen Großteil seiner Komplexität. Unter anderem haben Serien, wie „Queer as Folk“ oder „Queer Eye for the Straight Guy“, die gezielt die Schwulenszene thematisieren,  dazu beigetragen, dass queer vermehrt mit Sexualität verbunden wird.

Neben Sexualität wird die Identität jedes Menschen natürlich noch durch andere Faktoren konstruiert, was aber oft in den Hintergrund gedrängt wird, wenn Menschen zunächst nur nach ihrer Sexualität kategorisiert werden. Deshalb betrachtet die Queer-Forschung weitere Aspekte, wie sex, gender oder auch race und hinterfragt die Normen, die in diesen Bereichen existieren. Zum Beispiel liegt der Frage, was eine Frau zu einer Frau und einen Mann zu einem Mann macht, die Überlegung zu Grunde, ob unser biologisch bestimmtes Geschlecht (sex) mit dem Geschlecht übereinstimmen muss, das wir nach außen hin repräsentieren (gender). Die Tatsache, dass unser gender kulturell bedingt ist, sowie männliche und weibliche Attribute im Laufe der Geschichte schon starke Wandel erlebt haben, wirft die Frage nach der Berechtigung dieser strikten Einteilung in männlich und weiblich auf.

Das lässt uns hinterfragen, ob es bei einem binären, also einem in nur zwei Möglichkeiten unterteiltem Geschlechtersystem bleiben muss. Unter Einbezug von intersexuellen, transsexuellen und transgender Menschen lässt sich sehr einfach feststellen, dass ein binäres System von Mann und Frau sehr vereinfacht ist und all die Alternativen, die zwischen diesen beiden Geschlechtern existieren, ausschließt.

Die Kritik an der Binarität aufgestellter Systeme setzt sich in der Betrachtung der bereits erwähnten Sexualität fort. Längst ist bekannt, dass es neben Heterosexualität und Homosexualität eine Vielzahl anderer sexueller Orientierungen gibt, die auch schon in die Forschung aufgenommen wurden. Trotzdem besteht in der Gesellschaft weiterhin eine strikte Unterteilung in Hetero- und Homosexualität, die zu einer Diskriminierung von anderen Sexualitäten führt. Beispielsweise kann Bisexualität als die bekannteste Sexualität neben Homo und Hetero gezählt werden. Doch werden Bisexuelle oft als „Menschen, die sich nicht entscheiden können/wollen“ dargestellt, anstatt Bisexualität als sexuelle Orientierung zu akzeptieren und gleichzusetzen. Neben den bereits genannten Kategorien von sexuellen Orientierungen gibt es noch eine Vielzahl anderer, weitaus komplexerer Neigungen, was auch die Frage aufwirft, weshalb wir unsere Sexualität überhaupt definieren müssen.

Queer heißt deshalb auch, alternative Lebensweisen abseits der Heteronormativität zu tolerieren und zu fördern. So wird in queer Kreisen oft kritisiert, dass der heterosexuelle Lebensstil (Ehe, Familie, monogame Beziehung) zu oft als Vorbild und eben auch als Norm dargestellt wird, dem LSBTIQ Individuen immer mehr nacheifern. Natürlich kann diese Lebensform auch glücklich machen und für ein erfülltes Leben sorgen, allerdings sollte berücksichtigt werden, dass das persönliche Glück auch anders aussehen kann, z.B. in Form von polygamen Lebensweisen, kinderlosem Dasein, allein sein, nicht in den typischen Kategorien leben etc.

Neben den Kategorien Geschlecht und Sexualität widmet sich die Queer Theory darüber hinaus dem Thema race, verstanden als nationale Herkunft von Individuen. Wie bereits erwähnt, wird die individuelle Identität zusätzlich durch die Zuschreibung einer Nationalität bestimmt, die meist rein auf der Grundlage beruht, dass mensch in einem bestimmten Land geboren oder aufgewachsen ist. Queer Theory möchte darauf aufmerksam machen, dass Rassismus nach wie vor stark in unseren Köpfen verankert ist sowie ein zu großer Wert auf die Herkunft von Individuen gelegt wird. So hat wahrscheinlich jede*r schon einmal die Situation erlebt, in der gebürtige Deutsche auf Grund ihrer Hautfarbe nicht als deutsch anerkannt und mit der Frage „Woher kommst du denn EIGENTLICH?“ drangsaliert wurden. Daran zeigt sich, dass ein unbedeutendes Merkmal wie die Hautfarbe immer noch eine abgrenzende Wirkung mit sich bringt, die ein querer Blickwinkel zu überwinden anstrebt.

Diese thematischen Schwerpunkte sollen eine Auswahl an Bereichen darstellen, auf die sich die Forschung der Queer Theory bezieht. Somit wird auch klar, dass die Erklärung des Begriffes queer zu vielschichtig ist, als dass mensch ihn einfach mit homosexuell, oder noch plakativer mit schwul übersetzen könnte.

Text: Franzi

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